Japaner in Dosen

Dobinmushi

Enger körperlicher Kontakt gehört nicht zu unserer Kultur und Lebensart, es sei denn, wir werden durch äußere Umstände dazu gezwungen. Beispielsweise durch unsere U-Bahnen und unseren Zugverkehr, besonders zu den täglichen Stoßzeiten.

 

Wir Japaner geben uns nicht die Hände, sondern verbeugen uns zur Begrüßung nur ein bißchen. Wir umarmen uns nicht beim Abschied, und geben uns auch keine Küsschen zur Begrüßung, oder reiben gar unsere Wangen mit dabei leicht gespitzten Lippen aneinander.

In Japan sieht man auch ganz selten knutschende Pärchen in der Öffentlichkeit. Nicht etwa, weil Japaner nicht gerne küssen, sondern vielmehr, weil der Japaner ein großes Publikum und die allgemeine Aufmerksamkeit scheut, – natürlich nur, sofern er nicht gerade betrunken ist, oder in einer Karaoke-Bar sitzt. Oder gerade beides.

Entgegen allem Anschein im täglichen japanischen Berufsverkehr lieben Japaner auch keineswegs die klaustrophobische Enge und den unmittelbaren körperlichen Kontakt zum Artgenossen.

Beobachtet man das Verhalten der Reisewilligen und des Servicepersonals auf einem Bahnsteig in einer japanischen Großstadt während der Rush-hour, so versteht man leicht den eigentlich japanischen Ursprung des Begriffes »Stoßzeit«.

Nicht nur, dass es hier absolut unmöglich ist, den üblichen Mindestabstand zu seinen Mitgeschöpfen zu wahren – man aber dafür deren aktuelle Nahrungsgewohnheiten über die Atemluft präzise analysieren kann –, sondern Mann und Frau kommen sich hier auch weitaus näher, als selbst die meisten Ehepaare Japans innerhalb von dreißig Jahren Ehe.

Natürlich ist das dem Japaner ziemlich unangenehm. Aber er hat ja keine andere Wahl.

 

Stadtflucht in der Bubble Economy

Besonders in den Großstädten Japans lebt der überwiegende Teil der Bevölkerung in den Vororten, und die Gründe dafür liegen noch gar nicht so weit zurück.

In Japan konzentriert sich die Bevölkerung in drei großen Städten: Tokio, Osaka und Nagoya. Innerhalb von 50 km um diese drei Metropolen leben ca. 50 % der gesamten Bevölkerung Japans.

Unter der sogenannten »Bubble Economy« (zweite Hälfte der 1980er Jahre) stiegen die Immobilienwerte in Japan rasant. Internationale Investoren und auch die Japaner selbst kauften japanische Aktien und Immobilien, um von der Wertsteigerung des Yen zu profitieren. Durch die Nachfrage wurden die  Börse und der Immobilienmarkt weiter angeheizt, und eine Spirale nach oben begann. Auf dem Höhepunkt dieser Blase war der Park des Kaiserpalastes im Zentrum von Tokio nach allgemeinen Schätzungen genauso viel Wert, wie alles Land in Kalifornien zusammengenommen, und fast 2/3 des gesamten Weltimmobilienwertes war in der Tokyoter City konzentriert.

Osaka City

Daher konnten es sich normale Menschen natürlich nicht mehr leisten, in der Stadt ein Haus zu kaufen. Viele haben damals auch schnell ein Haus außerhalb der Stadt gekauft, aus Angst, dass die Häuser in Zukunft auch dort noch viel teurer werden würden. Das wiederum erhöhte die Immobilienwerte und es entstanden viele Neubaugebiete außerhalb der Stadtzentren.

Und diejenigen, die ihr wertvolles Haus in der Stadt nicht verkaufen wollten, bekamen schnell Besuch von kräftigen Männern in schwarzen Anzügen und dunklen Sonnenbrillen, die den Besitzern daraufhin ein Angebot machten, das sie nicht ablehnen konnten.

Dadurch gibt es heute in den Zentren der Städte in extremster Weise fast nur noch Hochhäuser, Büros und Geschäfte, und die dort arbeitenden Menschen leben folglich alle außerhalb. Und weil diese alle gleichzeitig zu ihrem Arbeitsplatz wollen, wird es zu jenem Zeitpunkt an bestimmten Orten eben richtig eng. Hauteng!

 

Ein paar Regeln für den Verkehr

Um die Hauptverkehrszeiten zu überleben, halten sich Japaner daher an die folgenden einfachen Regeln:

Schlange am Bahnsteig in OsakaWir warten ordenlich in einer Reihe, denn japanische Züge stoppen sehr präzise, und die Türen kommen genau an jenen Punkten zum Stehen, die auf dem Bahnsteig mit Markierungen versehen sind. Dort bilden sich die Menschenschlangen, – in ausreichendem Abstand zu den Türen, um von den Aussteigenden nicht gleich totgetrampelt zu werden.

In Deutschland neigen die Menschen dazu, vor den Eingängen eines  Zuges zu großen Haufen zu verklumpen, vermutlich um das Ein- und Aussteigen möglichst effektiv zu behindern, oder vielleicht einfach, um den Schwierigkeitsgrad dabei zu erhöhen. Hier in Deutschland entspricht der zeitgleich stattfindende Vorgang des Ein- und Aussteigens noch einer wahren Herausforderung, einem Kampf um’s bloße Überleben und den eigenen Vorteil, bei dem Zeit und Logistik keine Rolle spielen dürfen.

In Japan steigt man dagegen erst ein, nachdem so viele Personen wie möglich den Zug verlassen haben, das ist nicht nur höflich, es erhöht auch die Chancen erheblich, überhaupt noch eine Lücke zu finden, in die man (oder frau) sich mühsam quetschen kann. Doch selbst wenn es manchmal unmöglich erscheinen mag, so passen fast immer alle der wartenden Reisenden in einen Zug: mit Unterstützung des schiebenden Druckes von nachfolgenden Mitreisenden – und dem hilfsbereiten Servicepersonal am Bahnsteig.

Steigt man als einer der Letzten ein, empfiehlt sich der Rückwärtsgang, denn so lassen sich mit etwas Geschick die Mitreisenden weitaus effizienter komprimieren, als mit der Nase voran. Hat man Glück, klemmen keine Körperteile oder wichtigen Organe in den Zugtüren, und die Reise kann beginnen.

Interessant ist nun vielleicht die folgende Beobachtung: Normalerweise sind die Menschen in Japan außerodentlich höflich und aufmerksam. Zwängt man sie aber wie Sardinen in Dosen zusammen (nur halt ohne Öl), ignorieren sie ihre Mitmenschen, als seien diese tote Gegenstände und kaum der Beachtung wert. Denn nur so können Japaner die unangenehm aneinandergekuschelte Nähe mit vollkommen fremden Menschen und der damit verbundenen Peinlichkeit ertragen. Zur Demonstration unseres betonten Desinteresses am Mitmenschen lesen wir in dieser Situation daher intensiv in Magazinen, Büchern und Mangas, surfen mit dem Handy im Internet oder sehen Fern, schließen die Augen, oder starren geradewegs ins undefinierte Nirgendwo.

Verhalten in Japan in Zug und Bahn

Menschen, die dies nicht tun (z.B. informationshungrige Touristen mit aktivierter optischer Umweltwahrnehmung), fallen hier sofort unangenehm auf.

Für Männer in solch beengenden alltäglichen Situationen gelten in Japan zwei wichtige Regeln: Am besten die Hände nach oben halten und sich und dort an irgendwas festklammern, damit niemand auf die Idee kommen kann, daß es vielleicht gerade Ihre Hände sind, die die Oberschenkel der Dame vor Ihnen fachgerecht betasten.

Und als Mann sollten Sie nach Möglichkeit ein attraktives weibliches Wesen als direkte Stehnachbarin vermeiden, da die Wahrscheinlichkeit, daß diese Dame passende Schuhe mit hohen Pfennigabsätzen trägt in Japan geradezu astronomisch hoch ist. Da wird dann ein leichtes Ruckeln des Zuges schnell zum stigmatisierenden Martyrium, das jeder mittelalterlichen Foltermethode gerecht werden kann.

Ladies Only

Mittlerweile gibt es aber farblich (natürlich in rosa) gekennzeichnete Zugwaggons, die während der Stoßzeiten ausschließlich Frauen vorbehalten sind. Dann und dort sollte ein Mann – unabhängig von seiner sexuellen Ausrichtung – niemals einsteigen.

Warum sich in diesen Waggons Frauen niemals gegenseitig mit Ihren hohen Absätzen pfählen oder am Boden festtackern, ist der Forschung leider noch nicht bekannt.

Enger körperlicher Kontakt gehört nicht zu unserer Kultur und Lebensart, es sei denn, wir werden durch äußere Umstände dazu gezwungen. Beispielsweise unsere U-Bahnen und unser Zugverkehr, besonders zu den täglichen Stoßzeiten.